In Transformationsprojekten sprechen IT, Finance und Produktion über dasselbe Problem, aber nicht dieselbe Sprache. SAP sagt „Buchungskreis", der Schichtführer sagt „die Linie steht", das Controlling sagt „Abweichung". Solange niemand am Tisch alle drei spricht, gibt es keine Augenhöhe, egal wie respektvoll der Umgang ist. Und ohne Augenhöhe gehen Informationen verloren, die das Projekt gebraucht hätte.

Eine Party, auf der alle gleich gross waren
Berlin, 1997. Der Künstler Hans Hemmert lud zu einer Party, bei der jeder Gast Schuhe in genau der Höhe trug, die er brauchte, um auf exakt zwei Meter zu kommen. Kleine Menschen auf hohen Sockeln, grosse auf flachen. Für einen Abend schaute niemand herab und niemand hinauf. Die Arbeit heisst „Level".
Das Bild ist hängen geblieben, weil es genau das zeigt, was in Transformationsprojekten meistens fehlt: nicht den guten Willen, auf Augenhöhe zu sein, sondern die Vorrichtung, die es tatsächlich möglich macht.
Warum in Projekten jeder auf anderen Schuhen steht
In einem typischen Transformationsprojekt steht die IT auf ihren Schuhen, Finance auf anderen, die Produktion auf gar keinen. Jeder redet. Keiner redet mit dem anderen auf derselben Höhe, weil keiner die Sprache des anderen spricht.
Das Problem ist nicht Arroganz, sondern Fachsprache. Jede Funktion hat über Jahre ein eigenes Vokabular entwickelt, das intern präzise ist und nach aussen unverständlich. Drei Beispiele für dasselbe Problem in drei Sprachen:
| Funktion | Was sie sagt | Was sie meint |
|---|---|---|
| SAP / IT | „Die Bewegungsart ist nicht gepflegt." | Das System kann den Vorgang nicht buchen, den die Halle täglich macht. |
| Produktion | „Die Linie steht, weil Material fehlt." | Das Material ist da, aber im System an einem anderen Lagerort. |
| Controlling | „Abweichung im Bestand." | Halle und System erzählen zwei verschiedene Geschichten.Halle und System erzählen zwei Geschichten |
| Engineering | „Die Stückliste ist nicht freigegeben." | Die Fertigung baut seit Wochen nach einer Version, die es offiziell nicht gibt. |
Alle vier beschreiben denselben Sachverhalt. Im Meeting klingen sie wie vier verschiedene Probleme, und oft werden sie vier verschiedenen Leuten zugewiesen. Das ist der Moment, in dem ein lösbares Thema zu einem Projektrisiko wird.
Warum Übersetzer das Problem nicht lösen
Die meisten Projekte reagieren mit Übersetzern: Workshops, in denen Begriffe abgeglichen werden. Prozesshandbücher, die beide Sprachen enthalten. Key User, die zwischen den Welten pendeln.
Das funktioniert selten, aus zwei Gründen.
- Übersetzung kostet Zeit. Jede Information, die durch einen Übersetzer läuft, kommt später an. In einem Projekt, in dem Entscheidungen innerhalb von Tagen fallen müssen, ist eine Woche Übersetzungsschleife die Differenz zwischen Gelb und Rot.
- Bei jedem Schritt geht etwas verloren. Der Key User, der dem SAP-Berater erklärt, warum die Halle den Prozess umgeht, kennt die Halle, aber nicht das Customizing. Der Berater kennt das Customizing, aber nicht die Halle. Beide übersetzen das, was sie verstehen, und lassen weg, was sie nicht verstehen. Am Ende ist die Information korrekt, aber unvollständig, und niemand merkt es.
Übersetzer sind ein Hilfsmittel, wenn niemand am Tisch beide Sprachen spricht. Sie sind kein Ersatz dafür.
Was es stattdessen braucht
Jemanden, der die Sprachen selbst spricht. SAP, Engineering, Produktion, Logistik, Finance. Nicht als Spezialist in allen fünf, sondern als jemand, der in jeder dieser Welten gearbeitet hat, bevor er sie verbunden hat.
Das macht diese Person im Werk nicht grösser als die anderen. Es macht sie gleich gross. Mit dem Einrichter an der Linie und mit dem CFO im Lenkungsausschuss, vertikal und horizontal durch die ganze Organisation. Sie steht auf den Schuhen, die sie braucht, um mit jedem auf zwei Meter zu kommen.
Was das konkret verändert:
- Die Diagnose stimmt beim ersten Mal. Wer hört, dass „die Bewegungsart nicht gepflegt ist", und gleichzeitig weiss, was die Halle damit täglich tut, erkennt das eine Problem hinter den vier Beschreibungen.
- Die Entscheidung fällt mit allen Informationen. Nicht mit der übersetzten Version, sondern mit der vollständigen.
- Die Mannschaft redet. Wer merkt, dass der Mensch am Tisch die eigene Sprache spricht, sagt, was ist. Wer merkt, dass alles erst übersetzt werden muss, sagt, was sich übersetzen lässt.
Wir haben diesen Weg selbst gemacht, vom Wareneingang bis zum Verwaltungsrat, und genau deshalb bauen wir unsere Teams so, dass die Sprachen am Tisch sitzen und nicht nur die Übersetzer.
Woran Sie erkennen, ob in Ihrem Projekt Augenhöhe herrscht
Drei Fragen genügen.
- Wer am Tisch versteht sowohl, was der SAP-Berater sagt, als auch, was der Schichtführer meint? Wenn die Antwort „niemand, aber wir haben Key User" lautet, läuft alles über Übersetzung.
- Wie lange dauert es, bis eine Beobachtung aus der Halle als Entscheidung im Lenkungsausschuss ankommt? Mehr als eine Woche heisst, dass unterwegs übersetzt und gefiltert wird.
- Und: Wer in der Halle würde dem Projektleiter von sich aus sagen, dass der neue Prozess umgangen wird? Wenn niemand, fehlt nicht der Respekt. Es fehlt die gemeinsame Sprache.
Augenhöhe ist in Projekten keine Frage des Respekts. Es ist eine Frage der Sprache. Wer die Sprache seines Gegenübers nicht spricht, schaut immer herab oder hinauf, egal wie freundlich er es meint.
Welche Sprache fehlt in Ihrem Projekt gerade am Tisch?
Häufige Fragen
Was bedeutet Augenhöhe in Transformationsprojekten konkret?
Dass jemand am Tisch die Fachsprachen aller beteiligten Funktionen versteht: SAP, Engineering, Produktion, Logistik, Finance. Augenhöhe entsteht nicht durch respektvollen Umgang, sondern dadurch, dass Informationen ohne Übersetzung ankommen. Wer die Sprache seines Gegenübers nicht spricht, schaut immer herab oder hinauf.
Warum reichen Key User und Workshops nicht, um IT und Produktion zu verbinden?
Weil Übersetzung Zeit kostet und bei jedem Schritt Information verloren geht. Key User übersetzen, was sie verstehen, und lassen weg, was sie nicht verstehen. Die Information kommt korrekt, aber unvollständig an, und niemand bemerkt die Lücke. Übersetzer helfen, wenn niemand beide Sprachen spricht, ersetzen es aber nicht.
Wie erkennt man, dass in einem Projekt die gemeinsame Sprache fehlt?
Wenn dasselbe Problem im Meeting als vier verschiedene Themen auftaucht und vier verschiedenen Leuten zugewiesen wird. Wenn eine Beobachtung aus der Halle mehr als eine Woche braucht, bis sie als Entscheidung ankommt. Und wenn niemand in der Halle dem Projektleiter von sich aus sagen würde, dass der neue Prozess umgangen wird.
Warum scheitern SAP-Projekte an der Sprache zwischen IT und Fertigung?
Weil „Bewegungsart nicht gepflegt" und „die Linie steht" dasselbe Problem beschreiben, aber von niemandem als dasselbe erkannt werden. Das System wird dann so gebaut, wie die IT den Prozess versteht, nicht wie die Halle ihn fährt. Nach dem Go-live erzählen Halle und System zwei verschiedene Geschichten.
Über SMART iNTERIM
SMART iNTERIM Management ist Transformationspartner für die produzierende Industrie: Operational Transformation, SAP- und Enterprise-Transformation, Program & Project Management sowie Interim Management und Executive Search. Wir kommen aus der Praxis, nicht aus der Distanz. Hauptsitz Schweiz, Niederlassung Dubai.
